Roche, Charlotte – Schossgebete

Inhalt: Elizabeth ist 33, Mutter einer Tochter, Stiefmutter eines Sohnes und zweite Ehefrau eines Mannes. Sie geht regelmässig zur Therapie, um ihre Vergangenheit zu bewältigen und ihre gegenwärtige Situation zu verbessern, indem sie sich von ihren Zwängen und dem gesellschaftlichen und eigenen Druck, perfekt zu sein, zu lösen versucht. In diesem Buch erzählt Elizabeth aus ihrem Leben und lässt uns Teil haben an ihrem Schicksal.

Stichworte: VergangenheitsbewältigungFamilienschicksal – Psychische Probleme – Sexualität

Erster Satz: Wie immer vor dem Sex haben wir beide Heizdecken im Bett eine halbe Stunde vorher angemacht.

+ Charlotte Roches Sprache ist poetischer, verschnörkelter und dadurch etwas weniger leicht ‘runterzulesen’ geworden. Kein Wunder: Vor uns steht nicht mehr die 18-jährige Helen, sondern eine erwachsene Frau. Die 33 Jahre alte Elizabeth, welche versucht, perfekte Mutter und Ehefrau zu sein. Es ist schön zu sehen, wie Charlotte Roche sich in ihrem Schreiben weiterentwickelt hat und die Sprache ‘erwachsener’ geworden ist.
+ Besonders berührt hat mich die Erzählung des Unfalles in der Familie von Elizabeth, welcher der Ursprung ihrer psychischen Probleme darstellt. Diese Passagen sind so nah an der betroffenen Person dran, dass man es kaum aushält. Charlotte Roche ermöglicht uns den Einblick in die Gedanken und Gefühle einer zutiefst erschütterten Seele. Man trauert mit ihr, ist wütend mit ihr. Diese Stellen sind echt. Authentisch. Stark.
+
 Elizabeths Charakter tritt deutlich heraus. Je länger man liest, desto mehr erkennt man die Probleme, mit welchen sie sich konfrontiert sieht, teils auch selbst konfrontiert. In ihrer Vergangenheit liegen unfassbar schreckliche Dinge und ihr Leben besteht eigentlich nur daraus, diese Ereignisse aufzuarbeiten – achja: und nebenbei perfekt zu sein: “Ich löse mich fast auf in dem Wunsch, zu gefallen. Meinem Mann, meiner Therapeutin, meinem Kind, den Nachbarn, den Freunden. Der Kellnerin im Café. Bis nichts mehr von mir übrig bleibt.”¹
+ Faszinierend finde ich auch, dass im Buch eigentlich nur drei Tage beschrieben werden. Durch die vielen Flashbacks erfährt man aber so viel von dieser Person, dass man am Ende des Buches glaubt, sie zu kennen.
+ Das Cover finde ich sehr gelungen. Die abgebildeten Eicheln passen in vielerlei Hinsicht sehr gut zu dem Buch. Und zeigen auch gleich nochmal das Ambivalente im Buch auf. Schön gemacht.

= Wie bereits beim Vorgänger, Schossgebete, finde ich es ziemlich schade, dass das Buch nur auf die Sexszenen reduziert werden, welche sich im Übrigen weitgehends auf Anfang und Ende beschränken. Hat man sich durch den ersten Sex ‘durchgekämpft’ erwartet einen ein Einblick in die Psyche einer zutiefst verunsicherten und verstörten Frau. Selbst bei den Sexszenen drücken die Ideologien, Werte, Störungen durch, welche auf Elizabeth lasten – der gesellschaftliche Druck, der Druck ihrer Eltern, der Druck, den sie sich selbst auferlegt. Der Roman will mit Konventionen brechen – ob ihm das gelingt oder nicht, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden.
= Was ich nicht verstanden habe, ist, inwiefern das Buch mit dem Vorgänger verbunden ist. Es wird eine Familientragödie erwähnt, die in derselben Form auch im ersten Buch vorkommt. Ich habe aber die ganze Zeit nicht genau verstanden, wie Elizabeth und Helen verbunden sind. Die Lektüre von Feuchtgebiete liegt jedoch auch schon relativ lange weg.

- Das Ende kam für mich sehr abrupt und lässt Platz für einen potentiellen Nachfolger. Dennoch ist es nicht unbedingt schlecht, für mich fühlt es sich halt einfach ein wenig so an, als ob die Geschichte nicht richtig zu Ende erzählt wurde. Ich vermute aber, dass das damit zusammenhängt, dass die Geschichte einfach noch nicht fertig ist – denn ich habe den Verdacht, dass sie stark autobiographisch ist – und autobiographische Geschichten sind nicht einfach so zu Ende. Ärgerlich ist es einfach, weil man es kaum aushält, nicht zu wissen, ob Elizabeth sich weiterhin nach und nach von ihren Zwängen lösen kann. Ich hoffe es so sehr.

Fakten: Charlotte Roche - Schossgebete – Piper – Roman – 2011 – ISBN 978 3 492 05420 1 – 283 Seiten

Ähnlich wie: Charlotte Roches erster Roman Feuchtgebiete

Fazit: Ich ignoriere die Sexszenen einfach und behalte mir die intensive Beschreibung von Elizabeths Psyche in Erinnerung. Und die hat mich sehr berührt, aber auch getröstet. Ich glaube fest daran, dass die Autorin weiss, wovon sie schreibt.

¹Zitat: Seite 171

2 Gedanken zu “Roche, Charlotte – Schossgebete

  1. Schöne Rezension!
    Mir hat Schossgebete nicht so gut gefallen. Aber ich denke das liegt eher daran, dass ich vor kurzem “Narben meiner Kindheit” (hab ich auf http://www.frieling.de gefunden) gelesen habe. Das Buch war sehr dramatisch und wenn dich die Erzählung des Unfalls berührt hat, dann könnte dich das Buch auch interessieren.

    Liebe Grüße!

    1. Danke für die lieben Worte!
      Deinen Buchtipp konnte ich auf der angegebenen Seite leider nicht finden. oO Wie heisst denn der Autor/die Autorin des Buches?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s