Musik Mittwoch #6 – We only said goodbye with words

Vor gut zwei Wochen kam ich abends nach Hause – ich hatte den ganzen Tag im Museum, fernab von Medien und Nachrichten, gearbeitet – und wurde zunächst von den erschütternden Nachrichten aus aller Welt, vor allem von jenen aus Norwegen, erschüttert. Kinder und Jugendliche einfach niedergemetzelt. Von einer Sekunde auf die andere. Stellt euch vor, ihr seid auf dieser Insel, ihr lächelt euren Mörder vielleicht noch an oder schaut ihm in die Augen und wenige Minuten später werdet ihr von einer Kugel getroffen. Solche Nachrichten schockieren und bewegen.

Die Tragweite dieser Ereignisse gar noch nicht begriffen, schlenderte ich nach oben in mein Zimmer. Und schaltete das Radio ein. Ein Lied ging gerade zu Ende und die Moderatorin meldete sich: „Ihr habt es sicher bereits gehört, Amy Winehouse wurde heute tot in ihrer Wohnung aufgefunden.“ In diesem Moment gingen mir so viele Gedanken durch den Kopf: Die Hoffnung, sie würde es irgendwann doch noch schaffen erstarb, die Ereignisse in Norwegen konkurrenzierten sich mit Amy Winehouses Tod, die Welt schien – wieder einmal – aus den Fugen geraten.

Doch das absolut scheusslichste an diesem Tag waren die Diskussionen auf Facebook: „R.I.P Amy Winehouse“, schrieb also beispielsweise eine Person. Und darauf kam sofort das Echo: „Wie könnt ihr jetzt bloss um Amy Winehouse, dieses Drogenkind, trauern, wenn in Norwegen so viele Jugendliche ermordet wurden? Geht es noch?“ oder auch: „In Afrika sterben täglich x-tausende Menschen, wie könnt ihr da so ein Theater um eine Prominente machen?“
Ganz ehrlich: Ich finde es absolut grässlich, sich darüber zu streiten, welcher Todesfall von verschiedenen der schlimmere ist! Es ist nicht nur anmassend, sondern auch respektlos – gegenüber den Opfern und den Hinterbliebenen. Wie kann man so etwas bloss vergleichen und dann das Gefühl haben, es gebe nur eine allgemeingültige „Lösung“? Du meine Güte!

Ich habe bewust mit diesem Blogpost etwas gewartet, denn ich musste zuerst alles ein wenig verarbeiten. Und ich schäme mich nicht dafür, dass mich der Tod dieser jungen Frau immer noch schmerzt. Weil ich ihre Musik gehört habe. Weil ich gehofft hatte, dass sie es nochmal schaffen würde. Weil ich nicht davon ausgehe, dass sie ihren Tod selbst verschuldet hat (zudem wir gar noch nicht wissen, an was sie genau gestorben ist), nur weil sie Drogen und Alkohol konsumiert hat. Oder wollen wir ab dem heutigen Tag allen psychisch Kranken, von der Gesellschaft in Drogen gestürzten Personen und  allen anderen Menschen, die ihr leben nicht mehr im Griff haben, die Schuld an ihrem Scheissleben und ihrem möglicherweise zu frühen Tod selbst in die Schuhe schieben? Haben wir nicht auch eine Mitschuld?

Auf der musikalischen Ebene ist Amy Winehouses Tod natürlich auch ein herber Verlust. Ich mochte ihren Stilmix aus Soul und Jazz und ihre melancholischen Lieder, welche natürlich, natürlich, eine Art Verarbeitung ihres Lebens und möglicherweise auch ein Hilfeschrei waren. Schade ist nur, dass – wie so oft – ihre Musik nach ihrem Tod wohl mehr geschätzt werden wird, als vorher. Vorher war sie nur das Drogenkind aus der Musikerszene, auf welches sich die Boulevardpresse und mancher einfacher Bürger wie ein hungriges Tier daraufstürzte – um wieder einen Skandal aufdecken zu können. Versöhnlich nur, dass sie nun an einem besseren Ort ist.

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