Roche, Charlotte – Feuchtgebiete

Inhalt: Helen liegt wegen einer Verletzung an ihrem Hinterteil, welche sie sich bei der Intimrasur zugezogen hat, im Spital. Dort schmiedet sie einen Plan, wie sie ihre zerrüttete Familie wieder zusammenbringen könnte. Dabei gibt sie auch Einblick in ihre persönliche Sexualität und ihren Umgang mit ihrem Körper.

Stichworte: Sexualität – Hygienewahn – Familienschicksal

Erster Satz: Ich halte sehr viel von der Altenpflege im Kreise der Familie.

+ Für mich stellt Helen eine starke Romanfigur dar, obwohl sie in einer Art Trance durch ihr Leben zu gehen scheint. Einerseits ist da eine unglaubliche Lockerheit und Offenheit gegenüber Neuem und Unbekannten, andererseits auch der schwierige familiäre Hintergrund, das Verlorensein in einer schnelllebigen Gesellschaft, welche immer mehr nach Gleichschaltung schreit. Was Helen so alles in ihrem Leben vernastaltet ist zwar nicht immer nachvollziebar (für mich), macht sie aber durchaus charismatischer.
+ Der Schreibstil lässt sich so einfach runterlesen wie wenn man mit einem Messer durch Butter fährt. Nicht poetisch, aber der Geschichte angemessen. Immerhin erhalten wir hier Einblick in die Gedanken- und Körperwelt einer achtzehnjährigen Frau, welche sich nicht damit herumschlägt, ihre Gedanken zuerst in hochliterarisches Geschenkpapier zu verpacken, bevor sie sie denkt.
+ Was mir besonders gut gefallen hat, ist, wie Helen mit dem ganzen Hygienewahn aufräumt – Trauben fallen auf den Fussboden und müssen nun sofort gewaschen werden – wegen der Bakterien! Als hätten wir auf dem Kopf nicht genau gleich viele (oder sogar noch mehr) Bakterien als sich auf dem Boden tümmeln.

= Ja, das Buch ist manchmal etwas eklig. Ich finde es aber nicht allzu schlimm. Die Stellen, die ich als ekelerregend empfunden habe, hatten vorwiegend mit Blut und Exkrementen zu tun. Es ist aber keineswegs so – und das hatte ich mir nach allen Zeitungsberichten zu dem Buch so vorgestellt – dass die Protagonistin alle fünf Seiten auf irgendeine Art und Weise Sex hat oder sich mit irgendwelchen Körpersäften beschäftigt.
= Das Cover finde ich ganz in Ordnung. Die Signalfarbe pink verrät natürlich, dass es in dem Buch um eine Frau gehen könnte. Gepaart mit dem Titel und dem Pflaster entspricht das Cover der Geschichte einigermassen gut.

– Ich denke, das Negativste, was sich zu dem Buch sagen lässt, ist der ganze Skandal, welcher darum gemacht wurde und immer noch gemacht wird. Da ist die Autorin oder der Verlag bestimmt nicht ganz unschuldig daran.
– Den Titel finde ich übrigens auch nicht so toll. Gerade auch der Titel suggeriert dem Leser, dass es in dem Buch vor allem um Sex geht – beziehungsweise lädt die Presse ein, das ihren Lesern zu vermitteln.
– Das Ende hätte nach meinem Geschmack etwas mehr ausgekostet werden können. Im Allgemeinen bin ich mit dem Ende aber sehr zufrieden.

Fakten: Charlotte Roche – Feuchtgebiete – Dumont – Roman – 2008 – ISBN 978 3 8321 8057 7 – 219 Seiten

Empfehlung an: Leser, die sich von sexuellen Themen nicht abschrecken lassen und an einer Geschichte einer ungewöhnlichen, jungen Frau interessiert sind.

Fazit: Nicht annährend so schockierend oder skandalös, wie ich es mir nach all den Kritiken und Kommentaren in der Presse vorgestellt hatte. Hinter dem Thema Sexualität treten gesellschaftskritische Ansätze und eine Schicksalsgeschichte einer jungen Frau, deren Familie kaputt ist, hervor.

Das oben verwendete Bild „F“ wurde von .pst (flickr) geschossen. Es unterliegt einer CC-Lizenz.

5 Gedanken zu “Roche, Charlotte – Feuchtgebiete

  1. Oh ja … ich habs 2008 gelesen, glaube ich … Ist ewig her und an wirklich viel erinnere ich mich nicht. Ich fand’s aber auch nicht so skandalös, wie behauptet wurde. Wenn es auch definitiv nicht meinen Lebensvorstellungen entspricht😉

    1. Das ist eben gerade das Spannende für mich – dass Helen ganz anders lebt als ich. Trotzdem kann ich mich irgendwie manchmal auch in sie hineinversetzen, sie ist gleich ja alt wie ich.

  2. Ein toller Bericht über das Buch. Ich hatte es damals auch gelesen und war zwar nicht sonderlich begeistert von Story und Schreibstil, fand es aber auch nicht grottenschlecht… Deine Pluspunkte sind jedenfalls alle nachvollziehbar. Ich bin gespannt auf Schoßgebete, was derzeit noch auf meiner Wunschliste steht.

    1. Der Schreibstil ist ja auch ein bisschen fragwürdig – aber halt irgendwie genauso, wie Charlotte Roche auch selber spricht. Und wie sie in der Öffentlichkeit auftritt, gefällt mir sowieso.😉
      Ich frage mich, ob Schossgebete mir auch gefallen wird – ist ja schon ein ganz anderes Thema.

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