Ein elektrisierender Stromausfall

blackout2

Es ist schon beinahe Anmassung, eine Online-Rezension zu Marc Elsbergs Debutroman Blackout: Morgen ist es zu spät zu schreiben. Zum Glück nur beinahe, denn ungleich dem Europa in Blackout verfügen wir im Hier und Jetzt über genügend Strom, um das Internet aufrechtzuerhalten und die Computer, mit denen dieser Beitrag verfasst wurde sowie die Geräte seiner Leser am Laufen zu halten. Dass dieser Umstand gar nicht so selbstverständlich ist, macht uns Blackout auf eine eindrückliche Art und Weise klar.

Europa im Dunkeln

Als im Roman nämlich das europäische Stromnetz ausgehend von Italien und Schweden völlig zusammenbricht, ahnen die Menschen zu Hause in ihren eigenen vier Wänden noch nichts von der Katastrophe, auf die sie zusteuern, sondern gehen davon aus, dass der Strom in den nächsten Stunden wieder zurück kehren wird. Doch das Problem in den Schaltzentralen und Kraftwerken Europas kann nicht wie gewohnt innerhalb von kurzer Zeit behoben werden. Bald fehlt es den Menschen an den grundlegendsten Gütern: Wasser, Heizung, Lebensmittel und Geld. Ohne Strom funktioniert im Europa des 21. Jahrhunderts nichts mehr. Und die IT-Spezialisten Europas stehen vor einem scheinbar unlösbaren Rätsel – bis der ehemalige Hacker Piero Manzano aus Italien die entscheidende Entdeckung macht und die Ermittlungen in die richtigen Bahnen lenkt. Damit gerät er jedoch selbst in den Fokus der Stromattentäter und wird schon bald selbst des Übels verdächtigt.

Kein Dan-Brown-Abschlag

Zugegeben, der Plot klingt nach der von Dan Brown bekannten Mischung aus Spannung und Verschwörungstheorie. Durchaus bietet Blackout beides, glücklicherweise aber noch viel mehr. Elsberg belässt es nicht bei einem einfachen Gedankenexperiment davon, was passieren würde, wenn der Strom für mehrere Tage ausbleiben würde, sondern schildert in ausführlicher Weise die Folgen des Stromausfalls wie das Verderben von Lebensmitteln, die gekühlt werden müssten oder den Zusammenbruch des Mobilfunknetzes; er fingiert zudem detailliert, was im Hintergrund einer solchen Katastrophe vor sich gehen könnte – internationale Videokonferenzen (mit Notstrom gehalten) mit den Präsidenten und Oberhäuptern aller Staaten oder die Abnehmende Solidarität unter der Bevölkerung sind nur zwei Beispiele dafür.

Ein mehrsträngiger Spannungsbogen

Was mir unglaublich gut an dem Roman gefallen hat, ist, wie Elsberg aus vielen verschiedenen Handlungssträngen an verschiedenen Orten auf der Welt einen grossen Spannungsbogen errichtet hat. Die Vernetztheit der Welt beschränkt sich dabei nicht nur auf das Internet und internationale Institutionen, sondern zieht sich auch durch die Charaktere, die ihr ganz eigenes soziales Netzwerk mit sich bringen. Bei der Vielzahl an Charakteren bleibt die Zeichnung derer natürlich etwas auf der Strecke – was aber kaum stört, da der eigentliche Protagonist (oder Antagonist), wenn man das so sagen kann, der Stromausfall und dessen Folgen ist.

Der Schreibstil bleibt durchgehend neutral, fast schon zurückhaltend und erhält dadurch einen Dokumentationscharakter, was den Erzählstil an Authentizität gewinnen lässt. Trotzdem wirken einige Dinge unglaubwürdig: Zum Beispiel funktionieren Festnetztelefone länger, als man das erwarten würde. Dazu sagt Elsberg im Nachwort zu Blackout jedoch Folgendes:

Da ich keine Anleitung zu einem Terroranschlag geben möchte, habe ichheikle technische Details weggelassen oder geändert. Manche Gegebenheiten habe ich zugunsten der Dramaturgie und Lesbarkeit vereinfacht dargestellt, zum Beispiel [...] Telefon- und Internetverbindungen länger aufrecht erhalten, als es wahrscheinlich ist. (Elsberg 2013: 799)

Der Aufbau des Buches ist ebenfalls in einem dokumentarischen Stil gehalten – im grosso Modo wird der Roman in „Tage seit dem Anfang vom Stromausfall“ gegliedert, darin wird nach Lokalität sortiert und episodisch erzählt.

Das grosse Durchatmen zum Schluss

Einziger durchschlagender Negativpunkt an dem Roman ist für mich nur das Ende, welches etwas abrupt und hektisch herbeigeführt wird; nach gut 800 Seiten jedoch auch ein erschöpftes Durchatmen zulässt und den Roman damit beschliesst. Viele wird die Lektüre von Blackout weit über die letzten Seiten des Buches begleiten und im Alltag noch ab und zu verfolgen; für alle anderen stellt Blackout zumindest eine spannende und durchdachte Lektüre dar.

Fazit

Dass ich diesen 800-seitigen Schunken innerhalb von nur 5 Tagen sprichwörtlich verschlungen habe, ist eigentlich positive Rückmeldung genug. Die technischen oder international-politischen Details, in die sich Elsberg in seiner Erzählung vertieft, trugen für mich persönlich zum Lesegenuss bei, könnten für andere Leser jedoch weniger spannend sein. Sie verlangsamen die Handlung, ja, reizen dadurch den Spannungsbogen etwas stärker aus – langweilig waren diese Passagen für mich aber nicht. Meiner Meinung nach ist Blackout ein rundum gelungener Thriller, der auf Liebesgeschnulz zwischen männlichem Protagonist und attraktiver Frau weitgehendst verzichten konnte. Bravo! 5 von 5 Sternen.

blackoutZum Buch

  • Marc Elsberg (Juli 2013): Blackout: Morgen ist es zu spät: Roman. Taschenbuchausgabe. 1. Auflage. München: Blanvalet. (ISBN: 978 3 442 38029 9)
  • Die deutsche Originalsausgabe ist 2012 bei Blanvalet (Verlagsgruppe Random house GmBH) erschienen.
  • Verlagshomepage von Blanvalet: www.randomhouse.de/blanvalet
  • Verlags- und Bestellseite mit Leseprobe: Blackout: Morgen ist es zu spät
  • Offizielle Internetseite zum Buch: www.blackout-das-buch.de
  • Für diese Rezension wurde mir vom Verlag über Blogg dein Buch ein unverkäufliches Rezensionexemplar zur Verfügung gestellt. Dankeschön.

2 Gedanken zu “Ein elektrisierender Stromausfall

    1. Zugegeben, man könnte sagen, dass der Vergleich etwas weit hergeholt ist. Ich finde aber, dass Brown momentan als der „Katastrophen/Verschwörungs/…-Thriller“-Autor schlechthin gehandelt wird, weshalb sich der Vergleich mit ihm bei nahezu jedem (neu) erschienenen Thriller auf dem Markt aufdrängt. Auch wenn ich z.B. Illuminati oder Sakrileg verschlungen habe, finde ich, dass man es noch etwas besser machen kann. Wie z.B. Mark Elsberg in Blackout.🙂

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s