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Bittersüsse Melancholie mit Junip

Nach einem anstrengenden Tag an der Uni komme ich nach Hause, verkrieche mich in meinem Zimmer und drehe das Radio an. Und da ist es wieder, dieses Lied. Dieses Lied, welches mich, egal ob ich gerade zu Hause im Bett liege, im Auto unterwegs bin oder im Supermarkt mein Mittagessen kaufe, jedes Mal unerwartet trifft und innerlich zittern lässt. Irgend etwas an diesem Lied löst in mir ein Gefühl einer bittersüssen Melancholie aus – ich vermute ja, es ist die filmmusikähnliche Weite, die melodisch und harmonisch geschaffen wird, dieses Schwebende, auf das sich der Gesang legt.

Was auch immer es ist – das Lied „Line of Fire“ der Band Junip fasziniert mich. Darum habe ich versucht, den englischen Songtext auf Deutsch zu übersetzten. Gerade durch die enge Auseinandersetzung hat sich mir schon so mancher Songtext etwas verständlicher präsentiert; ich hoffe, es geht dem Leser bei der folgenden Übersetzung ähnlich. Dazu sagen muss ich noch, dass meine Übersetzung auch sehr stark eine Interpretation ist. Diese wurde von dem offiziellen Musikvideo stark beeinflusst. Wer also den Text so nicht verstehen würde, sollte sich das Video vielleicht noch ansehen (siehe Ende des Beitrags). Unklare Stellen wurden mit einer Fussnote versehen und werden zum Schluss erklärt.

Das Schussfeld°/Line of Fire – JUNIP

1 Was tätest du°, wenn es dir heimgezahlt° würde,
2 Jeder Wellenkamm so hell wie ein Blitz?
3 Was würdest du sagen, wenn du heute gehen müsstest,
4 alles hinter dir lassend, obwohl du für einmal gerade glänzt?

5 Erhöht stehend realisierst du, dass die Geräusche, die du hörst,
nur eine Laune° sind.
6 Und du bemerkst, dass es darauf ankommt, wen und was du an dich ran lässt.

7 Wenn du auf die Probe gestellt würdest, würdest du aus dem
Schussfeld treten?
8 Alles zurückhalten, alle Emotionen und Wünsche°?

9 Überzeuge dich selber davon, jemand anderes zu sein und verstecke° deinen  Mangel an Selbstvertrauen vor der Welt.
11 Das, was du zu glauben wählst, bestimmt darüber, ob du gewinnst oder verlierst.

12 Mit niemand° anderem um dich herum,
13 niemand, dich zu verstehen
14 niemand, deine Rufe zu hören.
15 Schaue dir alle deine dunklen Ecken genau an°.
16 Wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst, dann tritt aus dem Schussfeld.

17 Was tätest du, wenn es dir heimgezahlt würde,
18 Jeder Wellenkamm so hell wie ein Blitz?
19 Ich täte es so wie du es tun würdest, täte es genau so, genau so.
20 Das, was du zu glauben wählst, bestimmt darüber, ob du gewinnst oder verlierst.

Wiederholung der Zeilen 12 bis 16.

26 Tritt aus dem Schussfeld.

Anmerkungen

0 Das Schussfeld: „Line of Fire“ heisst das Lied im Original. „Line of fire“ ist ein technischer Ausdruck aus der Artillerie, der die Grenze, bis wo eine Waffe feuern (darum „fire“) kann, bezeichnet. Im Deutschen kommt „Schussfeld“ wohl am ehesten an diesen Ausdruck heran.
1 du: Natürlich kann man das englische „you“ auch mit „man“ oder „ihr/euch/usw.“ übersetzten. Ich glaube aber, dass hier jemand angesprochen wird und habe mich darum für die 2. Person Singular entschieden.
heimgezahlt: Im Original heisst es hier „come back to you“ was auch neutral übersetzt werden könnte mit „auf dich zurückfallen“ oder „zu dir zurückkommen“. Auch möglich wäre eine noch etwas freiere Übersetzung zu „plötzlich daran erinnern“ (also wenn etwas vor dem inneren Auge „wiederum erscheinen würde“).
5 Laune: An dieser Stelle ist unklar, ob „the wind“ oder „a whim“ gesungen wird. Sogar auf der offiziellen Soundcloudseite, wo der Songtext veröffentlicht ist, ist diese Variante belassen. Im ersteren Fall müsste die Übersetzung dann „der Wind“ heissen. Ausserdem wird „whim“ meist in einem anderen Kontext benutzt, wo es dann als „nach Lust und Laune“ übersetzt wird. Eine merkwürdige Stelle also.
8 Wünsche: Mit „Wünsche“ ist „desires“ sehr neutral übersetzt. Man könnte auch mit „Sehnsucht“ oder „Lust/Gelüste“ übersetzen.
9 verstecke: Im Original heisst es hier „hold back“, was wörtlich auch mit „zurückhalten“ übersetzt werden könnte.
12f niemand: „no one“ könnte auch mit „keiner“ übersetzt werden.
15 genau anschauen: Hier bin ich mir wirklich unsicher, ob „look through“ mit „hindurchsehen“ oder „genau ansehen/inspizieren/usw.“ übersetzt werden sollte.

Die Übersetzung hat sich nach meiner eigenen Transkription gerichtet. Bei unklaren Stellen habe ich mich an den Lyrics auf der SoundCloud-Seite orientiert.

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Mit Dvorak in der Diskothek

dvorakdiskothek
Some rights reserved. dailyinvention on Flickr.

Spätestens seit der ersten Harry-Potter-Verfilmung haben Blasmusik und insbesondere deren Horneinsätze in meinen Ohren etwas Episches und besonders Feierliches an sich. Sei es in der impressionistischen Art eben jener Filmusik, in der tragenden und erhebenden Funktion der Hautbois in der Renaissance (wer sieht da nicht Tanzsäle vor sich, gefüllt mit Menschen, die erhobenen Hauptes und gestreckten Rückens tänzerisch schreiten) oder in den subtilen Anfangstönen des Horns in Pavane pour une infante défunte (Video) des allzeit geschätzten Ravels – Holz wie auch Blech schaffen es immer wieder, mich zu faszinieren, zum genauen Hinhören zu verleiten und – dies leider viel zu oft – in Amateurensembles zur Weissglut zu treiben. Für meine Ohren gibt es kaum etwas Schlimmeres als schräge Blasmusik – dies wohl mitunter ein Grund, weshalb ich klassische Blasmusik lange aus meinem musikalischen Fundus ausgeschlossen habe.

Dank der genialen Radiosendung des SRF2 (zum Zeitpunkt meiner Entdeckung der Sendung hiess das Radio noch DRS2) namens „Diskothek“ (früher: „Diskothek im Zwei“) konnte ich mich jedoch vor einigen Wochen besonders für ein Werk der Blasmusik begeistern: Dvoraks Bläserserenade. Dazu aber später mehr, erst möchte ich euch meine neue Lieblingsradiosendung vorstellen.

Die Radiosendung Diskothek

In der Sendung „Diskothek“ diskutieren meist zwei Musiker oder Musikwissenschaftler zusammen mit einer Moderatorin oder einem Moderator ein Werk der klassischen Musik. In die Diskussion gestartet wird mit fünf Versionen eines Ausschnitts (Satzes, Stücks, je nach Form und Länge des Werkes), aus welchen dann drei ausgesucht werden müssen, mit denen man weiterfahren und sich mehr daraus anhören möchte. Zum Schluss stehen zwei bevorzugte Versionen – eine davon wird in ganzer Länge oder in einem längeren Ausschnitt gespielt. Die Krux an der ganzen Sache: Nur der Moderator oder die Moderatorin wissen, welche Version von welchem Orchester gespielt wird und die Experten geben ihre Urteile somit (relativ) unbeeinflusst ab. Und das fasziniert mich zutiefst. Das Schöne daran ist auch, dass man entweder genauso ‚ahnungslos‘ zuhören oder sich vorher die Versionenliste auf der Homepage von SRF2 herunterladen kann.

CD-Empfehlung: Bläserensemble Sabine Meyer

Nun kam es also so, dass in einer dieser Sendungen Dvoraks Bläserserenade diskutiert wurde und mich dieses Werk absolut für sich gewinnen konnte. Ich weiss nicht genau, was die Faszination dafür ausmacht, aber ich mag die Balance zwischen Blech und Holzbläsern und die verschiedenen Tempi und Stimmungslagen. Am besten gefallen hat mir die Version des Bläserensembles Sabine Meyer, welches es sogar in die letzte Runde der Kritikerauswahl geschafft hat (dann jedoch nicht in voller Länge gespielt wurde). Auf der CD des Bläserensembles befinden sich nebst der Bläserserenade Dvoraks einige Stücke von Richard Strauss, was den Tonträger – für mich zumindest – auch zum perfekten Begleiter über die Festtage macht – denn, wie bereits erwähnt: was gäbe es feierlicheres als Bläser?

Wer nun einmal in die Sendung Diskothek reinhören möchte, kann das auf der Seite des SRF tun; dort findet ihr auch die Sendung zu Dvoraks Bläsererenade und die Liste der Aufnahmen. Ich kann die CD des Bläserensembles Sabine Meyer sehr empfehlen – ich habe mir sie in der letzten Zeit sehr oft angehört und bin noch immer sehr zufrieden mit meinem Kauf. 🙂 Ich wünsche euch eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch! 

Titelbild: Euphonium Detail II von dailyinvention auf Flickr. Some rights reserved: CC BY 2.0.